DIESE ERFINDUNG WIRD DIE LOGISTIK REVOLUTIONIEREN

Update Kolumne von Dr. Max Winkler, Vice President Solutions & Technology bei SSI SCHÄFER

Sie kennen diese Erfindung ganz bestimmt, haben sie aber wahrscheinlich noch nicht mit der Logistik assoziiert: das selbstfahrende Auto! Meist wird es mit dem knubbeligen Google-Fahrzeug oder abenteuerlichen YouTube Videos von Tesla Kunden in Verbindung gebracht. 

Was hat diese Erfindung mit Logistik zu tun? 

Eine Technik, die einen Pkw autonom bewegt, kann das auch bei Lieferfahrzeugen. Und genau deshalb ist diese Erfindung für die Logistik wichtig. Die Technologie ist bereits weit entwickelt und die Industrie arbeitet fieberhaft an der Verbesserung der Wirtschaftlichkeit für teilautonome Serien(!)fahrzeuge. Der Ersatz des Fahrers durch moderne Sensorik, ausgefeilte Algorithmen und schnelle Rechner sieht auf den ersten Blick vielleicht nicht nach einer Umwälzung der Lieferketten aus. Erlauben Sie mir, Ihnen an einigen Szenarien darzustellen, welche fundamentalen Änderungen diese Erfindung in der Logistik bewirken kann. 

Die berühmte letzte Meile 

Neben den Retourensendungen treibt vor allem die „letzte Meile“ bei vielen E-Commerce Angeboten die Logistikkosten. Obwohl hier wahrlich keine Traumgehälter gezahlt werden, ist es sehr teuer, einige hundert Meter entfernte Adressen anzufahren, auf eine Reaktion des Kunden zu warten oder ggf. sogar mehrfache Auslieferversuche durchzuführen. 

Stellen Sie sich nun vor, es wäre möglich, ein kundenindividuelles Zeitfenster von einer Viertel- oder einer halben Stunde einzuhalten – bei Kosten von
40 Cent oder weniger für diese Leistung. Genau das wird durch die Erfindung
selbstfahrender Autos möglich! Selbstfahrer für die letzte Meile werden kleiner sein als heutige Lieferfahrzeuge und häufiger zwischen Kunde(n) und Depot pendeln. Die heutigen Lieferfahrzeuge sind nur deshalb so groß, weil es gilt, die Ressource Fahrer optimal auszunutzen – mit möglichst nur einer Depotanfahrt pro Schicht. 

Anders bei selbstfahrenden kleinen, elektrischen Liefermobilen. In Depots werden sie automatisch und unter Berücksichtigung der gewünschten Lieferzeitfenster beladen und fahren autonom zum Kunden. Dort warten sie, bis er seine Ware selbst aus dem Mobil entnimmt. Ort und Zeitpunkt können dabei problemlos auf den Kunden zugeschnitten sein, egal ob zuhause, am Arbeitsplatz oder vor dem Fitnessstudio. 

Im Grunde handelt es sich also um die Ausdehnung des bekannten innerbetrieblichen Prinzips der Fahrerlosen Transportsysteme auf die Lieferketten außerhalb des Warenverteilzentrums. Und diese Ausdehnung ist nicht auf die sogenannte „letzte Meile“ beschränkt. 

Revolution auch bei Depots und Verteilung 

Da durch autonome Lieferwagen die Kosten pro Fahrt deutlich sinken werden, ergeben sich auch für Verteillager und -abläufe neue Möglichkeiten. Durch die häufigeren, kleineren Beladungen der Lieferfahrzeuge wird der Ablauf im Verteillager gleichmäßiger, mit weniger Belastungsspitzen. Auch der Fernverkehr wird sich durch selbstfahrende Lkw verändern. Da z. B. die Beschränkung der Lenkzeiten wegfällt, werden sich Streckenverläufe und Frequenzen ändern – mit entsprechenden Konsequenzen für Lager und Verteilzentren. 

Die Auswirkung auf die Innenstadt 

Trotz E-Commerce werden wir auch in Zukunft noch in die Innenstadt gehen und dort Produkte anschauen, probieren und direkt kaufen können. Wenn durch autonome Fahrzeuge die Kosten der Ladenbelieferung deutlich sinken, wird weniger der teuren Innenstadtfläche für Lagerung benötigt und mehr Fläche steht für die Kunden und Warenpräsentation zur Verfügung. 

Und wie wäre es, den Einkauf in der Innenstadt mit einem Lieferservice wie beim Onlineeinkauf zu verbinden? Quasi zeitgleich mit mir verlässt mein Einkauf das Geschäft und wartet in Form eines kleinen Liefermobils zuhause auf mich. Das Lager des Geschäfts in der Innenstadt könnte in Depots am Stadtrand abwandern. Von diesen erfolgt mehrmals täglich eine bedarfsgerechte Nachlieferung. Diese Depots können auch die oben erwähnten E-Commerce Lieferfahrzeuge für die letzte Meile versorgen.

Ausgefuchste Algorithmen für die Analyse und Vorhersage des Käuferverhaltens
gewährleisten in diesem engmaschigen Netzwerk die Warenverfügbarkeit.
Unternehmen, die hier über eine Kernkompetenz verfügen, wie z. B. Google oder Amazon, können eine Schlüsselrolle im Logistiknetzwerk der Zukunft einnehmen.