Echte Insights in die Vereinbarkeit von Job und Familie

Java-Programmiererin für komplexe Lager-Logistik-Software und stolze Mama von Zwillingen. Geht nicht? Oh doch! Ich erzähle von meinen Erfahrungen im Alltag – sowohl beruflich als auch im Familienleben. Dieser kleine Einblick zeigt, wie sich beide Welten berühren und ergänzen, wo sie sich gut vereinbaren lassen und wo man an Grenzen stößt.

Plötzlich Zwillingsmama

Lange Zeit war ich ausschließlich Java-Hackerin in einem weltweit tätigen Unternehmen. Ich habe Strategien zur Einlagerung, Lager-Organisation und zum Nachschub entwickelt, programmiert, in Betrieb genommen und betreut. Als meine beiden Kinder auf die Welt kamen, schlüpfte ich in eine völlig neue Rolle: Von heute auf morgen war ich hauptsächlich Mama von Zwillingen. Am Anfang war die neue Aufgabe toll. Sie brachte ganz neue Erfahrungen und Herausforderungen, die mir manchmal auch meine körperlichen und psychischen Grenzen zeigten. Aber nach etwa zehn Monaten kam eine gewisse Langeweile auf. Rund um die Uhr ausschließlich Mutter zu sein, war für mich irgendwie ein wenig unbefriedigend. Ich wollte zwischendurch wieder etwas geistig Anspruchsvolleres machen, als mich nur mit Windelinhalten und Breirezepten zu beschäftigen. Also beschloss ich, bereits nach 14 Monaten Pause wieder Schritt für Schritt in meinen Job als Programmiererin einzusteigen – statt drei Jahre Elternzeit in Anspruch zu nehmen, die ich in meiner ursprünglichen Euphorie beantragt habe. Mein Plan war, die Kinder drei Nachmittage in die Kinderkrippe zu geben und zehn Stunden pro Woche zu arbeiten.

Mein Wiedereinstieg

Nach einem Monat Krippen-Eingewöhnung stand nach langer Pause endlich mein erster Arbeitstag an. Er war nicht sonderlich spektakulär: Tools nachinstallieren, Projekt auschecken und zunächst alles in meiner Entwicklungsumgebung wieder zum Laufen bringen. Vier Stunden lang nicht über Kinder, Windeln, Krabbelgruppe und ähnliche Dinge nachzudenken, fühlte sich gut an. Pünktlich um 16:45 Uhr machte ich Schluss, um die Kinder von der Krippe abzuholen. Am nächsten Tag war meine Aufgabe, ein Problem bei einem alten Projekt zu suchen: Logfiles greppen, Datenzustand über Flashback Query ermitteln, versuchen, den Fehler am Testsystem nachzustellen, Java-Prozesse debuggen. Schnell war ich wieder zurück in meinem alten Rhythmus und voll konzentriert. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es schon nach 17 Uhr war. Ich ließ alles stehen und liegen und hetzte zur Krippe. Die Kinder waren schon fertig angezogen. Das Personal wartete darauf, endlich Feierabend machen zu können. Ups ... Kann ja mal vorkommen, es war schließlich erst mein zweiter Arbeitstag. Allerdings passierte mir das danach immer häufiger: eine Besprechung, die länger dauerte. Ein Kollege, der noch schnell etwas wissen wollte. Ein kritischer Bug, der dringend behoben werden musste. Wer keine Kinder hat, bleibt einfach länger. Doch ich musste mit der Zeit lernen, wie man eine strenge Deadline einhält.

Langsam steigern

Die Kombination aus Arbeit und Kindern hatte sich ziemlich gut eingespielt, sodass ich nach sechs Monaten meine Wochenstunden von zehn auf zwölf erhöhen konnte – und nach einem weiteren halben Jahr auf fünfzehn. Glücklicherweise hatte ich von vornherein mehr Krippenstunden als Arbeitsstunden gebucht und mehr als meine Soll-Stunden gearbeitet. Der aufgebaute Überstunden-Puffer für Ferien und Krankheitsfälle erleichterte vieles. So war es kein Problem, wenn ich die Kinder mal früher von der Krippe abholen musste oder erst später zur Arbeit kommen konnte.

Auch wenn es für mich großartig ist, dass ich auch im Home Office arbeiten kann, nutze ich diese Möglichkeit nur selten. Zum einen ist mir der direkte Kontakt zu meinen Kollegen wichtig, zum anderen möchte ich nicht nur daheim sein. Bis heute funktioniert die Arbeit im Home Office nur dann richtig gut, wenn die Kinder schlafen. Dazu eine kleine Anekdote.

Einmal sollte ich am frühen Morgen ein Software-Update einspielen. Normalerweise kein Problem, da die Kinder gewöhnlich bis sieben Uhr schlafen. Doch ausgerechnet an diesem Tag waren sie früher wach. Und natürlich klappte das Update nicht auf Anhieb. Während ich am Rechner mit meinem Build kämpfte, haben die Kids die Verpackung ihrer neuen Kinderzimmer-Lampe entdeckt. Im Karton befanden sich Styropor-Streifen, die sich prima zerbröseln ließen und mit denen man wunderbar an der Wand entlangstreifen konnte. Nach der Software musste ich nun auch die Wohnung patchen, also Styropor-Überreste von sämtlichen Böden und Wänden der Wohnung aufsaugen. Die Aufräumarbeiten in der physischen Realität dauerten mindestens genauso lang wie das Deployment und Aktivieren der neuen Software.

An den schnellen Kontextwechsel musste ich mich erst gewöhnen. Ein Beispiel. Ich war damit beschäftigt, am Testsystem einen Palettier-Auftrag komplett durchzuführen: eine XML-Datei mit dem Testauftrag erzeugen und über SOAP einlesen, Packmuster generieren lassen, in der Emulation eine Palette mit dem Artikel aufgeben, leere Paletten erzeugen, Testbestand in der Datenbank einfügen. Als Draufgabe musste ich durch Remote-Debugging aus Eclipse herausfinden, warum die Kartons nicht ausgelagert werden. Gerade hatte ich das Problem auf einen Filter im Bestands-Stream eingrenzen können, als mein Handy läutete: der Kindergarten. Bitte dringend den Sohn abholen, er hat Fieber! Also switchte ich innerhalb von drei Minuten Autofahrt von [i]stream().filter()[/i] auf fürsorgliche Mama und häusliches Krisenmanagement.

Wieder raus in die Welt

Nach und nach wurde mir bewusst, was ich an meinem Beruf eigentlich am meisten vermisst hatte: die Inbetriebnahme der Software in der Anlage, direkt beim Kunden, weltweit vor Ort. Wenn ich nach der Entwicklungsphase die Software endlich mit SPS und Fördertechnik testen kann und sehe, wie die Behälter oder Paletten fahren. Also äußerte ich bei meinem Teamleiter den Wunsch, bei nächster Gelegenheit an der Inbetriebnahme des aktuellen Projekts mitarbeiten zu wollen. Ich konnte jedoch maximal drei nicht unmittelbar aufeinanderfolgende Blöcke zu je zehn Tagen leisten, damit die Kinder nicht zu lange am Stück auf ihre Mutter verzichten müssen. Und los ging’s. Ich organisierte, dass der Papa und die beiden Omas während meiner Abwesenheit die Kinderbetreuung übernehmen. Die zeitliche Abstimmung erledigten die drei selbst. Ich flog nach Großbritannien zur Inbetriebnahme: Bugs fixen, Abläufe umbauen oder ergänzen. Und die Kinder hatten eine lange Papa-Omas-Woche. Auch wenn das gut geklappt hat, war es eine riesige Umstellung, plötzlich wieder zehn statt vier Stunden am Tag zu arbeiten – auch samstags. Und die nächste große Herausforderung wartet auch schon. Denn jetzt da die Kinder in die Schule kommen, gilt es sich wieder neu zu orientieren und aufzustellen, um alle Bereiche des Lebens erfolgreich meistern zu können.

Wertvoll – als Mitarbeiterin und Mutter

Für meine Arbeit brauche ich nur meinen Kopf, einen Laptop und eine flotte Internetverbindung. Kombiniert mit sehr guten organisatorischen Rahmenbedingungen macht die Arbeit nicht nur Spaß, sie bringt auch optimale Bedingungen für die Vereinbarkeit von Job und Familie mit: flexible Arbeitszeiten, Home Office, Videokonferenzen und die Möglichkeit, die Kinder ab und zu kurz ins Büro mitzunehmen. Besonders hilfreich sind meine verständnisvollen Kolleginnen und Kollegen, die gelegentlich für mich einspringen, wenn ich mal dringend weg muss. Nur so habe ich die nötige Flexibilität, um zwischen den Welten ständig wechseln zu können. Auch in den herausfordernden Zeiten von COVID-19, denen wir uns derzeit alle stellen. Ich bin wirklich dankbar, dass meine Vorgesetzten mich in jeder Situation toll unterstützen und trotz Teilzeit als wertvolle Mitarbeiterin schätzen.

Über den Autor

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Martina Baumer ist für SSI SCHÄFER IT Solutions GmbH in Oberviechtach tätig.

Seit 2007 ist sie Entwicklerin für Lager-Logistik-Software mit Java für verschiedenste Branchen. Ihre Schwerpunkte sind das Entwickeln von Algorithmen für Einlagerungsstrategien, Lager-Reorganisationen und Nachschub-Prozesse in hochkomplexen Logistik-Systemen. Seit Jänner 2014 ist sie stolze Mama von Zwillingen.

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